Interview mit der Managerin der Konzertreihe KlassikKonstanz 2018 Dina Jetybaeva (08. April 2018)

dina-jetybaevaInterviewerin Anna Tessmann (AT) & Dina Jetybaeva (DJ)

 

Anna Tessmann: Dina, am 01. April 2018 startete die musikalische Kammerkonzertreihe am Kulturzentrum in Konstanz, die nun den Titel Klassik Konstanz trägt. Im Programm für das laufende Jahr stehen insgesamt drei geplante Konzerte, zu denen acht Weltstars der klassischen Musik eingeladen wurden. Sie haben dieses Projekt in Gang gebracht. Wie ist die Idee entstanden, so eine Konzertreihe in Konstanz zu organisieren?

 

Dina Jetybaeva: Eldar Saparayev, der Solo-Cellist der Südwestdeutschen Philharmonie und momentan der künstlerische Leiter der Kammerkonzertreihe, wollte schon lange renommierte Musiker aus der ganzen Welt einladen, um sie miteinander musizieren zu lassen. Längst haben viele Konstanzer sowie Frau Dr. Ute Stölzle, Frau Sarah Müssig, die Leiterin des Kulturamtes und Beat Fehlmann, der Intendant der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz wiederholt den Wunsch geäußert, große klassische Musikstars im Format eines Kammerkonzerts in Konstanz zu empfangen.

Auch für die weltberühmten Musiker ist so ein Konzertformat interessant, das Kammerkonzerte ein direktes Interagieren mit den Zuschauern erlaubt. Die Reaktion des Publikums ist im so einem “kleinen” Saal unmittelbar spürbar, was für die hochqualifizierten Musiker eine tolle Erfahrung ist.

 

AT: Warum ist Ihrer Meinung nach Konstanz als Ort wichtig, um musikalische Projekte zu starten?

 

DJ: Konstanz ist eine künstlerisch lebendige und inspirierende Stadt, mit vielen musikalischen Events und kreativer Energie. Daher sollte Konstanz unbedingt ein eigenes Festival oder eine fest etablieberte Kammerkonzertereihe auf hohem Niveau haben. Das erkannte schon Herr Dietrich Winkelmann, der zusammen mit dem Förderkreis fast vierzig Jahre lang die Konstanzer Solistenkonzerte organisierte. In den letzten drei Jahren gab es leider keine Möglichkeit mehr, diese schöne musikalische Tradition weiterzuführen. So waren Eldar Saparayev und ich mit der Vision einer klassischen Konzertreihe gerade zur richtigen Zeit da, um den hohen Ansprüchen des Konstanzer Publikums gerecht zu werden.

 

AT: Welche Schwierigkeiten sind beim Planen und Durchführen der Konzertreihe aufgetreten? Wie haben Sie sie gemeistert?

 

DJ: Ich arbeite seit sechs Monaten an diesem Projekt. Für den Start hatten wir nicht viel Vorlaufzeit und Ressourcen, aber wir haben große Unterstützung vom Kulturamt der Stadt Konstanz und von der Philharmonie Konstanz erhalten. Für den Druck aller Werbematerialien, Broschüren und Plakate hat das Kulturamt die Kosten übernommen. Das Design wurde von Polina Arsenieva, einer professionellen Designerin – und gleichzeitig meine Freundin – gemacht. Von der Organisation her standen am Anfang nur zwei Personen, Eldar Saparayev und ich selbst, zur Verfügung. Ohne unsere Begeisterung für das Projekt wäre das Ganze vielleicht gar nicht zustande gekommen.

    Es ist sehr erfreulich, dass das Interesse großer klassischen Stars wie der Pianistin Elena Bashkirova und Violinisten wie Michael Barenboim und Alena Baeva geweckt werden konnte, und dass sie trotz ihres vollen Terminkalenders noch in diesem Jahr Zeit für unsere Kammerkonzerte finden konnten. Das liegt wohl daran, dass sie sich selbst auch von diesem Projekt inspirieren haben lassen.

    Wegen des breiten Konzertangebots und der Konjunktur der klassischen Musik in Konstanz befindet sich vor allem die Kammermusik in einem Low-Income-Bereich. Dies bedeutet, dass klassische Musikprojekte immer eine zusätzliche finanzielle Unterstützung benötigen. Bis jetzt haben wir noch nicht ausreichend seriöse Sponsoren gefunden. Eine Ausnahme ist dabei das Klavierhaus Faust, das uns ein hervorragendes Klavier für Elena Bashkirovas Auftritt leihen konnte. Dafür bedanken wir uns bei Herrn Ralf Faust. Aus Mangel an Fördermitteln konnten wir uns Personalbesetzung, kostenpflichtige Werbung und vieles andere nicht leisten. Die Internetpräsenz mit Werbung, eine große informative Website, die Erstellung von Facebook- und Twitterbeiträgen lag allein auf meinen Schultern. Der Arbeitsumfang im letzten Monat war immens, aber ich bin sehr zufrieden: die Besucherzahl auf unserer Webseite ist gestiegen, und es lässt sich daran ablesen, dass sich nicht nur Musikkenner aus Konstanz für die Konzertreihe interessieren, sondern auch aus der gesamten Bodenseeregion, aus Freiburg, Zürich und sogar aus Frankfurt am Main.

    Ich muss nochmals betonen, dass die Konzertreihe nicht ohne Hilfe von vielen guten Freunden und Unterstützern zustande gekommen wäre, die uns in den ersten Monaten unterstützt haben. Selbst uns Unbekannte haben ihre Hilfe angeboten, wie z. B. eine Frau aus dem Netz, die unsere Texte online korrigierte. Ich glaube jetzt, dass absolut alles möglich ist, wenn die Menschen einander helfen. Das konnte ich auch innerhalb der Stadt erfahren: Wir hatten kein Budget für die Werbung in der Altstadt und das führte dazu, dass es gar keine Informationen über unser Konzert im Stadtzentrum gab. Ich ging dann in die Läden, Restaurants, Schmuckwerkstätten etc. und begann, über das Konzert zu erzählen. Ich stieß überall auf großes Interesse, die Menschen wollten unbedingt helfen: sie hängten unsere Konzertplakate auf, verteilten Flyer an ihre Kunden usw.

    Zum Glück gab es so viele gute Menschen auf unserem Weg: Frau Dr. Ute Stölzle, die gleichzeitig die Patin unseres Projekts ist, gab uns viel Platz in ihrem Herzen und sie stand uns ständig mit Rat und Tat zur Seite. Ruth Frenk, Sängerin und Gesangspädagogin, die Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft der Bodensee-Region, gab uns immer gute Ratschläge, wobei sie uns auch auf der Bühne unterstützte. Florian Opitz von Buchkultur Opitz und Beat Fehlmann wirkten unter anderem an Werbevideos mit. Wir bedanken uns auch bei den hilfsbereiten Mitarbeitern der Tourist-Information Konstanz und vielen anderen.

 

AT: Sie waren vor einigen Jahren an verschiedenen Kulturprojekten in Almaty beteiligt. Was ist Ihre eigene Motivation, um ein solches musikalische Projekt in Konstanz zu realisieren?

 

DJ: Als ich noch in meiner Heimatstadt Almaty lebte, hatte ich eine eigene Werbeagentur. Meine Aufgabe war es, Markenstrategien für diverse Projekte, darunter auch einige mit Null-Basis-Budgetierung, zu entwerfen, die später unabhängig funktionieren konnten.

    Seit zehn Jahren lebe ich in Deutschland. Zurzeit studiere ich unter anderem Malerei. Außerdem wirke ich gern an interessanten Kulturprojekten mit: ich möchte alle meine praktischen Fähigkeiten und Kenntnisse, die ich einmal in der Werbungsbranche erworben habe, nutzen und mit anderen teilen. Da ich dazu auch die Kunst liebe, war ich auf der Stelle einverstanden, als Eldar im November 2017 vorschlug, an der Organisation der Konzertreihe mit ihm zusammenzuarbeiten.

     Ich glaube, dass Kunst uns allen wichtig ist. Aber zurzeit müssen Künstlerprojekte allgemein unterstützt werden, um zu überleben. Dafür bin ich bereit, all mein Wissen einzusetzen. Wenn ich die Voraussetzungen im Bereich Kultur in Kasachstan und Deutschland vergleiche, dann scheint es mir, dass es in Kasachstan einfacher wäre, solche Veranstaltungen wie unsere zu organisieren sowie die finanzielle Unterstützung zu erhalten. Vielleicht ist der Kunstmarkt in Europa übersättigt, während die kasachischen Verhältnisse mehr Raum für Kulturprojekte anbieten können.

 

AT: Welche sind die Pläne für das nächste Jahr? Was erwartet die Liebhaber der klassischen Musik in der Stadt Konstanz und ihrer Umgebung im nächsten Jahr?

 

DJ: In dieser Saison sind zwei weitere Konzerte – am 27. Mai 2018 und am 28. Juli 2018 – geplant. Im nächsten Jahr werden wir unsere Konzertreihe fortsetzen, d. h. wir werden weitere große Musiker einladen, die das Konstanzer Publikum mit ihren unvergesslichen Auftritten bestimmt erfreuen werden. Während der Zusammenarbeit an der Organisation der Konzertreihe Klassik Konstanz entstand außerdem eine wunderbare Idee, die mich als Mutter besonders ansprach und die, wie sich herausstellte, auch eine große Resonanz in Konstanz fand: Wir wollen für jedes Konzert nicht nur einen Musiker mit internationalem Renomée gewinnen, sondern auch Kinder und Jugendliche einladen. Wenn ich die Auftritte von musizierenden Kindern sehe, staune ich oft darüber, wie viel Talent, Leidenschaft und unermüdliche Arbeit dahintersteckt. Wir möchten den jungen Musikern eine Gelegenheit bieten, sich auf der Bühne als Profi zu fühlen und ihr Talent bei einem unserer Konzerte zu zeigen. Deshalb werden wir am 27. Mai 2018 ein Duett mit sechs- und achtjährigen Musikern präsentieren. Ich hoffe sehr, dass sich das Kinderprojekt weiterentwickelt und über den Rahmen einer lokalen Veranstaltung hinausgeht.

    Selbstverständlich werden wir uns sehr darum bemühen, dass unsere Konzertreihe auch zu einem richtigen Stadtprojekt wird. In einem Gespräch mit Elena Bashkirova habe ich erfahren, dass es Kulturinitiativen gibt, die musikalische Veranstaltungen mit Hilfe von engagierten Stadtbewohnern organisieren. Jeder kann dort irgendetwas beitragen:  eine für eine Nacht zur Verfügung gestellte Wohnung, ein spendiertes Abendessen oder ein Flughafentransfer – alles zählt, und so könnte die ganze Konzertreihe organisiert werden! Mit solchen Beiträgen könnte die Konzertreihe jedenfalls auch in Zukunft bestehen bleiben. Falls Sie sich angesprochen fühlen, bitte schreiben Sie uns: info@klassikkonstanz.de.

AT: Ich bedanke mich sehr herzlich für das Gespräch!